#agrardialog: Startschuss ins neue Anbaujahr
Aktuell
#agrardialog: Startschuss ins neue Anbaujahr
(Schwedt/Oder, 19.22026)
Alljährlich zum Ausklang des Winters laden der Bauernverband Uckermark und AGRAVIS Ost, der Agrarhändler im Osten, zum großen Netzwerktreffen der Landwirte im Norden ein. Der Zeitpunkt in der Februarmitte ist aus landwirtschaftlicher Sicht hoch spannend, denn der Verlauf des voran gegangenen Winters bestimmt die Voraussetzungen der anstehenden Frühjahrsbestellung. So eilten am 19. Februar die gut 300 Gäste des Agrardialogs bei minus zehn Grad Außentemperatur in das warme Foyer der Kleinen Bühne der Uckermärkischen Bühnen Schwedt, in dem 33 Partnerinnen und Partner der Agrarwirtschaft ihre Produkte präsentierten und in den Dialog mit ihren wichtigsten Kunden traten: die Betriebs- und Produktionsleiter in der Urerzeugung von Marktfrüchten Raps, Gerste, Weizen, Mais, Roggen. Ein Hauptthema der Gespräche: der extrem strenge Winter, dessen Ende sich nun abzeichnet und die damit verbundenen Herausforderungen für die anstehende Frühjahrbestellung.
Zwischen Jubiläum und Zukunftssorgen: Verhaltene Stimmung in bewegten Zeiten
Im Saal greift Gastgeber Chris Röwert, Geschäftsführer von AGRAVIS Ost, die aktuelle, verhaltene politische Stimmung unter den Landwirtinnen und Landwirten auf. Gerade feierte die wichtigste Messe der Land- und Ernährungswirtschaft, die Grüne Woche, in Berlin ihr 100jähriges Jubiläum und damit 100 Jahre Weiterentwicklung und Fortschritt der Landwirtschaft in Deutschland, die von motivierten, tatkräftigen Unternehmen getragen wurde. Doch das politische Weltgeschehen und der fortschreitende Strukturwandel treiben sowohl den Landwirten als auch ihm als Agrarhändler die Sorgenfalten auf die Stirn. Fehlende Nachfolgegenerationen für die Betriebe, eine nachlassende Nachfrage nach tierischen Erzeugnissen, hohe Hürden für Stallneu- und Umbau und – gerade in der Uckermark - höchste Anforderungen für die Einhaltung von Klima- und Naturschutzmaßnahmen seien nur einige der Herausforderungen. „Der Kranich wird geschützt, der Landwirt wird beobachtet“, beschrieb Röwert die derzeitige Situation des praktizierenden Landwirts.
Starke Stimme des Bauernverbandes – mit mehr Mitgliedern noch stärker
Wenke Möllhoff, Vorsitzende des Bauernverbandes Uckermark, bestätigte die herausfordernde Situation in der Landwirtschaft und warb dennoch für Zuversicht und für Vertrauen in die eigene Kraft. Die Kolleginnen und Kollegen hätten zudem mit dem Bauernverband eine starke Interessenvertretung an ihrer Seite, die sich der aktuellen Problemlagen annimmt. Jüngstes Beispiel: die Aufhebung der Ausweisung der Roten Gebiete in der Landesdüngeverordnung. Seit drei Jahrzehnten hätte der Bauernverband zudem Kappung und Degression in der Gemeinsamen Agrarpolitik verhindert, 80 Prozent der Landwirtinnen und Landwirte in Brandenburg profitieren vom Erhalt der Ausgleichszulage, die der Landesbauernverband gemeinsam mit seinen Mitgliedern im Zuge der #bauernproteste durchgesetzt hat. Auch der steuervergünstigte Agrardiesel ist wieder zurück. Wenke Möllhoff nutzte das Podium, um auch in eigener Sache des Bauernverbandes zu werben, denn eine Interessenvertretung kann nur so stark und durchsetzungsfähig sein wie die Mitglieder, die sie tragen. Die Kernarbeit des Bauernverbandes liege darin, Themen zu kanalisieren, zu strukturieren und an der richtigen Stelle zu platzieren. „Wir haben es geschafft, gehört zu werden. Ihr könnt Vertrauen haben in das, was wir tun! Mit Trittbrettfahrern kommen wir allerdings nicht weiter.“
Betriebswirtschaft im Fokus: Förderprogramme nutzen, Kosten im Blick behalten
Ziel des #agrardialogs ist es auch, jenseits von Agrarpolitik und Stimmungslagen Fakten zur Einordnung dieser zu setzen und Empfehlungen für betriebswirtschaftliche Optimierungen auszusprechen. Felix-Michael von Hertell, landwirtschaftlicher Unternehmensberater in Göttingen, führte in einem packenden Vortrag mehrere Punkte ins Feld: Die Landnutzung in Deutschland habe sich verändert. Die aktuellen Förderprogramme in der Gemeinsamen Agrarpolitik wie zum Beispiel „vielfältige Fruchtfolge“ führten beispielsweise zu einem Aufschwung des Leguminosenanbaus. Sein Appell an die Landwirte, diese Förderprogramme zu nutzen. Gleichzeitig sei der Kostendruck in der Arbeitserledigung auf dem Feld erheblich gestiegen, der Vergleich der Lohnkosten zwischen 2020 und 2025 zeige allein eine Erhöhung um 45 Prozent. Nach aufschlussreichen Gegenüberstellungen der Lohnkosten für Betriebsleitung und Maschineneinsatz für verschiedene Betriebsgrößen vermittelte er eine durchaus unbequeme Botschaft: genau hier müssen Betriebe ansetzen. Für einen wirtschaftlichen Maschineneinsatz sollten Betriebe die Kooperation mit dem Nachbarbetrieb suchen. Und: die Vergütung des Betriebsleiters sollte mit dem Gesamtbetriebsergebnis stets in Relation gesetzt werden.
Vom Frost ins Frühjahr: Fachliche Empfehlungen für die Bestandsführung
Dr. Gernot Verch, Agraringenieur in der Forschungsstation Dedelow, nahm im folgenden Fachvortrag die Landwirte mit auf das noch gefrorene Feld und gab Empfehlungen für die anstehende Bestandsführung nach der langen Winterzeit. 16 Jahre sei es nicht mehr so dauerhaft kalt gewesen, die Böden seien bis zu einer Tiefe von 50 cm gefroren, erstmals habe sich die biologische Uhr der Pflanzen wieder verlangsamt. In den vergangenen Jahren war zu beobachten, dass die vegetative Entwicklung der Pflanzen aufgrund der milden Winter mindestens zehn Tage früher startete. Ein weiterer Vorteil der anhaltenden Kälte sei es, dass der Erdfloh sich nicht ausbreiten konnte. Für die Frühjahrsbestellung sind die Ansprüche nun hoch, da eine langanhaltende Tauphase zu erwarten ist, in der die Böden schlecht oder nicht befahrbar sind. Gleichzeitig sollte die Startdüngung im Getreide und im Raps möglichst frühzeitig erfolgen. Die frühzeitige Ausbringung von Stickstoff zu Winterraps versetzt den Raps in die Lage, bis zum Beginn der Blüte ausreichend Stickstoff aufzunehmen. Dies war in den letzten Jahren aufgrund der sehr frühen Blüte nicht immer gegeben.
Globale Märkte unter politischem Einfluss
Der #agrardialog schloss mit einem wilden Ritt durch die unruhigen Agrarmärkte der Welt. Am Beispiel der US-Agrarbörse verdeutlichte Bernhard Chilla, Agrarmarktanalyst der AGRAVIS AG, dass allein die gute oder schlechte Stimmung zwischen dem US-Präsidenten und dem chinesischen Staatsoberhaupt deren Kurs bestimmt. Nicht mehr das Verhältnis von Angebot und Nachfrage bestimme die Bewegung an den Märkten, sondern allein, ob sich Trump und Jinping „gerade liebhaben oder nicht“. Seine Hoffnung für die Zukunft sei es, dass wieder „Fundamentaldaten“ wie das Wetter die Marktbewegungen erzeugen und weniger das angespannte politische Weltgeschehen.
Wir erlebten den diesjährigen #agrardialog als ausgesprochen informativen Auftakt ins neue Anbaujahr, freuten uns über viele bereichernde Gespräche mit den Landwirtinnen und Landwirten und danken herzlich für die Einladung in die Uckermark! (MM)